Christopher Buckley – Chaos im Weißen Haus

Schneller als die Wirklichkeit

Christopher Buckley - Chaos im Weißen HausKEN. Wie hat Christopher Buckley all das nur vorhersehen können? Sollte der aktuell gewählte Mr President »Chaos im Weißen Haus« gelesen haben, hätte ihm jedenfalls jemand sagen müssen, dass eine Satire von 1986 nur eine Satire und eben keine Gebrauchsanweisung für sein Amt ist.


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Herb Wadlough arbeitet für Thomas Nelson Tucker (kurz: TNT, wie der Sprengstoff) schon Jahre vor dessen Einzug ins Weiße Haus. Zunächst ist er dessen Buchhalter, weil er Zahlen liebt; die sind wenigstens eindeutig. Dann ist er Wahlkampfmanager und Redenschreiber des Präsidenten, wird Freund der Familie und insgesamt Mädchen für alles. Loyal wie ein britischer Butler schwört er »Unterlinge« wie seinesgleichen ein, diskret wegzuschauen, wenn Mr President und First Lady sich auf dem historischen Boden im Wohnzimmer liebhaben – zum Entsetzen der Küchencrew, die gerade das Mittagessen servieren will.

Herb Wadlough sorgt auch dafür, dass die kampfsportlich bestens ausgerüsteten Secret Service-Mitarbeiter sich dezent in Rhododendronbüsche verwandeln, wenn das First Ehepaar es im Pool hinter dem Weißen Haus miteinander treibt. Sicherheit geht vor. Herb Wadlough ahnt: Wirklich kritisch wird es im weltpolitischen Alltag erst ohne die Ausflüge der Präsidentschaften ins Genitale.

Jessica Tucker dürfen wir uns wie die aktuelle First Lady denken, wobei ich bei meiner eigenen Vorstellung das Mittagessen und die Szene am Pool mit dem Präsidenten ausgeklammert habe. Gerne würde die First Lady wieder ihrem Beruf nachgehen und im Film auftreten wie vor dem politischen Höhepunkt ihres Manns. Der Teeausschank beim Damenprogramm eines Gipfeltreffens von Staatsoberhäuptern aus aller Welt unterfordert sie völlig und ist nur zu Beginn der ersten Amtszeit interessant. Und eine zweite, sollte der Präsident auf seine Berater hören, droht sogleich.

Auch Firecracker, der viereinhalbjährige Präsidentensohn Tom junior, hat nur zunächst noch Spaß daran, sich mit seinem Hamster Theodore im ersten Stock des Weißen Hauses zu verstecken. Die Sicherheitsleute drehen völlig durch und würden am liebsten schon den Koffer mit den Atomcodes holen. Dann finden sie den Kleinen in einem Lüftungsschacht, wo er quietschvergnügt mit dem First Nagetier spielt.

Für Herb Wadlough sind solche Ereignisse auf jeder Geheimhaltungsstufe der Alltag. Dabei hätte er schon genug mit den Katastrophen zu tun, die seine Mitarbeiter dem Präsidenten auf den Teleprompter schicken. Zum Schrecken aller will Tucker schon bald seine Reden selbst schreiben, sogar seine Rücktrittserklärung mitten im Wahlkampf zur zweiten Amtszeit. –

Als Christopher Buckley »Chaos im Weißen Haus« schrieb, war Ronald Reagan noch Präsident der USA und Biz Stone mit dem blauen Vogel in der Mittelstufe. Heute hätte der Präsident getwittert.

Herb Wadlough kanalisiert auch die Anfechtungen der Speichellecker rund um den Präsidenten. Denen ist am Hof keine Intrige zu gemein, um sich selbst in Stellung und ihn, also Herb Wadlough, aus dessen Stellung hinaus zu bringen: für den besseren Parkplatz vor dem Weißen Haus, einen Job im Westflügel mit Mr Pesident in der großen Politik oder einen im Ostflügel mit »nur« Künstlerpartys und First Familie.

Da Jessica Tucker Herb Wadlough auch als Babysitter für den First Sohn schätzt, wird der Redenschreiber in einem Moment mangelhafter Aufmerksamkeit in den Ostflügel fortgelobt. Schon die Entwicklung dorthin ist ein Fest für Befreundete der Satire. Christopher Buckley, der tatsächlich Reden für Präsident George Bush dem Älteren schrieb, kennt sich bestens aus mit den Üblichkeiten rund um »das Ei«: Die Macht nimmt mit der Nähe zum »Resolute Desk« im Oval Officezu.

Der legendäre Schreibtisch wurde einst aus dem Holz eines britischen Forschungsschiffs geschnitzt, das 1855 im Polareis festfror und Jahre später von amerikanischen Walfängern losgeeist worden war. Königin Victoria von England wertete dieses Treibholz als Schreibtisch für die Oberhäupter der abtrünnigen Filiale des Britischen Imperiums ordentlich auf. Christopher Buckley spielt herzerfrischend mit solchen Details, mit den Wegen und Irrwegen zu politischen Entscheidungen und all den Haken, die Präsident Tuckers PR-Maschinisten schlagen müssen, um die Würde des Amts täglich aufs Neue zu restaurieren.

Normalerweise geht eine politische Satire ein paar Schritte der Wirklichkeit hinterher. Das nenne ich taktvoll und gut für das Gemüt, falls jemand in einem politschen Amt zur Satire langsamer taktet. Für »Thank you for Smoking« musste es also erst einmal Lobbyisten für Waffen, Tabak und Alkohol geben, die bei Christopher Buckley 1994 mit ihren Opferzahlen um die Rechnung für das Abendessen wetteifern. Mit »Chaos im Weißen Haus« ist er seiner Zeit jedoch um Jahrzehnte voraus: Dieses Mal war seine Satire schneller als die Wirklichkeit!

»The White House Mess« erschien 1986, die deutsche Übersetzung 2014. Im Verlag Louisoder reifte das Buch um Liebe, Macht & Mr President wie guter Wein. Dass sich 2017 »Chaos im Weißen Haus« im wirklichen Leben mit sich selbst multiplizieren würde, kann Christopher Buckley so jedoch nicht gewollt haben. Sogar einen »Schurkenstaat« gibt es bei ihm, denn auf den Bermudas greift ein unbelehrbarer Diktator einen Marinestützpunkt an. Heute wäre das Nordkorea, Guam und gar nicht lustig.

Christopher Buckley drückt bei aller satirischen Großzügigkeit selbst den übelsten Mitarbeitern im Weißen Haus einen sympathischen Stempel auf. Man kann ihm einfach nicht böse sein. Sein konsequenter Schalk erinnert mich an Joseph Heller (»Catch 22« und »God Knows«) und an den Briten John Niven (»Old School« und »Gott bewahre«). Herb Wadlough, der Alec Guinness-Filme schaut, stolpert wie Peter Sellers in »Der Partyschreck« von Blake Edwards durch den Alltag. Besser: er wird gestolpert.

Möglicherweise wäre »Chaos im Weißen Haus« ohne die letzte Präsidentschaftswahl in den USA als eine von vielen satirischen Phantasien Christopher Buckleys in der zweiten Reihe der Bücherwand stecken geblieben. Weil soviel von der Geschichte inzwischen in ähnlichem Gewand eingetreten ist, hoffe ich, dass auch der Konflikt mit Nordkorea so glimpflich endet wie der auf Bermuda im Buch. Mit bestenfalls einem Opfer also, das beim Waffelbacken einschläft und mit einem Kreuzworträtselgitter auf der Stirn aufwacht.


Ein Beitrag von www.buecher-blog.net.

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