Sächsische Schweiz: Wie Kanada, nur kleiner

Willkommen in Pfaffendorf/Königstein!

Sächsische Schweiz»Die Sächsische Schweiz ist wunderschön«, hatte Mario Wolf versprochen. Der geprüfte Wildnis- und Nationalparkführer behielt auch beim Durchstieg durch die Klamm am Pfaffenstein Recht: Seine Heimat ist wie Kanada, nur kleiner! Globalscout berichtet über Wandern im Nationalpark und das Engagement für Yoga und Selbstbehauptungstrainings bei einem Lehrgang zu Kyusho Combatives.


Blick vom Pfaffenstein auf Pfaffendorf.Pfaffendorf von hoch oben und einem der Aussichtspunkte auf den Felsen.

Peggy Wolf kommt gerade vom Yoga-Kurs in einem der Nachbarorte zurück und öffnet die Tür hinein in das Dorfgasthaus von 1874. Im Rahmen der Möglichkeiten, die der historische Komplex zuließ, hat sie bei der Renovierung viele Ideen aus ihrem Studium von Einergieflüssen eingebracht. Entstanden ist ein freundliches und einladendes Zuhause mit vielen liebevollen Details. Monate zuvor habe ich auf einem Kyusho Combatives-Lehrgang mit Nils Scheiring in Esslingen ihren Mann Mario kennengelernt. Jetzt bin ich hier, wegen dieses jungen Stils unter den karatenahen Kampfkünsten, wegen Wandern in der Sächsischen Schweiz und weil ich diese Familie kennenlernen möchte.

Die 43-jährige Peggy lebt mit vier Männern unter einem Dach: Mario (50) und ihre gemeinsamen Söhne Jack (16), Nick (13) und Ron (7). Ihre Yoga Kurse und der Austausch mit Teilnehmenden und Kolleginnen über Ernährung und Feng Shui halten sie zusätzlich »auf Trab«. Obwohl manche Kurse schon vormittags stattfinden, während andere erst am späten Abend mit den Berufstätigen enden, sind sie Teil eines »bewussten Lebens«, für das Peggy und Mario Wolf in ihren Aktivitäten werben.

Yoga war für Peggy Wolf eine Enteckung; heute unterrichtet sie es.Peggy Wolf ist eine gefragte Yoga-Lehrerin und leitet Kurse in Königstein und benachbarten Orten.

Mario Wolf ist gerne draußen in der Natur und genau das zu seinem Beruf gemacht.Mario Wolf zieht es immer wieder nach draußen. Schließlich gibt es im Wald und auf den Felsen eine Menge zu entdecken.

Mario ist in seinen Bereichen genauso leidenschaftlich wie Peggy. Der »Ranger von Königstein« führt Schulklassen und Erwachsene von »hieben« wie »drieben«, also zum Beispiel Tschechien, durch den deutschen Teil des Elbsandsteingebirges südöstlich von Dresden.

Seine Vision ist die Verknüpfung von Naturerfahrungen und Kampfkunst: »Respekt vor der Natur mit Respekt vor dem Leben an sich.« In seinem Trainingsraum gibt es an einer Kletterwand mit fünf Schwierigkeitsstufen und anspruchsvollem Überhang die Kontur des Barberine-Felsen vom Pfaffenstein. Und nicht zufällig heißen die jungen Wölfe Jack, Nick und Ron. Deren Oma hat wenig mit Eastern-Stars im Sinn und beharrt darauf, dass Ron (der Dritte) nur konsequent den letzten Selbstlaut nach A und I in Mario vertritt.
Die Berggastätte auf dem Pfaffenstein.Die Berggaststätte auf dem Pfaffenstein.

Dies alles weiß ich erst später, als meine Gastgeber mich schon ein bisschen adoptiert haben. Ich darf als Erster ihre noch werdende Ferienwohnung testen und lerne als teilnehmender Beobachter die Familie Wolf von Innen kennen.

In seiner Vorstellung für die Uni im Grünen im Landesverband Sächsischer Jugendbildungswerke sagt Mario: »Natur erleben ist für mich Begeisterung für die Natur wecken, auf Bäume klettern, Wolken beobachten, dem Gesang der Vögel lauschen, durch Höhlen kriechen, Kräuter und Pilze sammeln, mit Karte und Kompass die Welt erkunden, am Feuer gemeinsam die leckersten Sachen kochen und backen …«

Märchenhaft reckt sich der »Rapunzelturm« in die Höhe.   Der »Rapunzelturm« gleich daneben.

Peggy und Mario Wolf übernahmen vor gut zehn Jahren das ehemalige Gasthaus und Kulturzentrum in Pfaffendorf. Die ersten Architekten der Wölfe hätten in dem Komplex am liebsten neun Wohnungen untergebracht. Doch wo vorher in einem Saal mit hoher Decke Volkstümliches bis Volkstümelndes geboten wurde, können sich Sportbegeisterte bei jedem Wetter auf dem Trampolin ausprobieren wie sonst nur in Freiluftanlagen. Dazu gibt es Ringer- und Holzpuppen für Würfe, Fuß- und Handtechniken in der Selbstverteidigung sowie klassische Geräte wie Reck, Barren und Pauschenpferd für weitere Formen turnerischer Eleganz.

Nach 25 Jahren im Sportartikelgeschäft sind für Mario und Peggy in Pfaffendorf neue Ziele möglich geworden: Bewusst leben mit Yoga und Kampfkunst und das so naturnah wie möglich. Aus den Fenstern des Dojos, dem »Ort für den Weg« schauen wir in einen kräuterreichen Garten mit Grillplatz, Baumhaus und auf den Anstieg zum Pfaffenstein.

Nach einer gemeinsamen Wanderung bis zur Klamm, zum Rapunzel-Turm an der Berggaststätte und den alten Bürgerschützenanlagen lassen wir den Tag in der ehemaligen Gaststube und heutigen Wohnküche ausklingen. Wir freuen uns auf Nils Scheiring und die Begegnungen im Dojo.

Kyusho Combatives

Samstagmorgen probieren sich hier etwa zwanzig Frauen und Männer in Kyusho Combatives aus. Jana Lilienthal gehört dazu. Mit über 40 wird sie eine Woche später für den SFV Feuerblume an der Karate-EM in Tschechien teilnehmen. Steffen (46) dagegen ist im Jiu-Jitsu zuhause. Für den Polizisten aus Dresden ist »Zugriff!« kein Fremdwort. Wenn er zulangt, weiß er genau, was er tut. Ich würde lieber ein Bier mit ihm trinken gehen als mich mit ihm anlegen.

Die Weitestgereisten kommen aus Schleswig-Holstein oder wie ich aus Stuttgart. Wir sind jenseits der 55 Jahre und damit die Ältesten, die sich bei diesem Lehrgang auf den früheren Turnmatten einmischen. Am anderen Ende der Zeitlinie sind Jack Wolf und Jugendliche in seinem Alter.
Nils Scheiring beim Kyusho-Lehrgang in Pfaffendorf.Nils Scheiring (im Bild links mit Jack Wolf) unterrichtet Kyusho Combatives nach Dustin Seale (USA). In Pfaffendorf ist er seit 2014 regelmäßig zu Gast.

Training im früheren Gasthaus von Pfaffendorf.Der ehemalige Festsaal des historischen Gasthauses von Pfaffendorf bietet heute alle Möglichkeiten für traditionelle und moderne Kampfkünste.

In dem System des Kyusho Combatives nach Dustin Seale (USA) wird Nils Scheiring, der Leiter dieses Lehrgangs, trotz seiner erst 27 Jahre »Meister« genannt. Ich bin ein paar Jahrzehnte darüber hinaus und selbst ansprechend graduiert. Aber unter Nils bin ich dieses Wochenende gerne wieder Schüler wie sonst bei seinen Lehrgängen in der Kampfsport Akademie Esslingen bei Stuttgart.

Dort habe ich auf einem Lehrgang Mario Wolf kennen gelernt. In der Mittagspause hatte er von Peggys und seinem jungen Unternehmen Natürlich Wolf und dem Verein Bewusst Leben e.V. in Pirna gesprochen.

»Sachsen ist mehr als Pegida und der schwarze Block von Dynamo Dresden«, sagte Mario. Er schaute überrascht, als ich seine Einladung nach Pfaffendorf sofort annahm: Kyusho Combatives und anschließend Wandern in der Sächsischen Schweiz. In dieser Reihenfolge.
Vom Ringen über Karate zu exotischen Kampfkünsten. Mario Wolf ist mit unterschiedlichen Disziplinen vertraut.Mario Wolf (rechts) war erfolgreich im Shotokan-Karate. Doch der frühere Ringer schaute stets auch über seinen aktuellen Stil hinaus.

Kyusho Combatives zielt als anwendungsorientierte Kampfkunst vor allem auf Nervenimpulse. Die spürt man im Training oft genug und lernt gerade dadurch, sie besonders ernst zunehmen: Sie bedeuten im Ernstfall einen sofortigen K.O.! Nils Scheiring und sein Lehrer Dustin Seale brauchen weniger Zeit dafür als ich, das Licht im Wohnzimmer auszuschalten.

Da zur Ausbildung stets auch die Umkehr der Effekte gehört, wird der Lernende in dieser Kampfkunst mehr als in anderen Disziplinen auch zum Heiler. Graduierte beherrschen mindestens die Grundlagen der Akupunktur und Akupressur und Modelle der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM).

Mario lud 2014 zum ersten Kyusho Combtives-Lehrgang nach Pfaffendorf ein. Er ist mehrfacher Shotokan-Meister und schaut gerne über seinen Karatestil hinaus. Ganz früher war er Ringer, weil Ringen vor der Wende einer der wenigen erlaubten Vollkontaktsportarten in der Gegend war. Als wir uns an diesem Wochenende zwischendurch ohne Judogi und oben rum nur mit T-Shirt bekleidet balgen, habe ich kaum eine Chance: Mario kann in viele Stile hineinverzweigen und schaltet blitzschnell um.

Abends im Gasthaus »Zum Pfaffenstein« wittern zufrieden erschöpfte Lehrgangsteilnehmer eine vielversprechende Kombination aus Sport und Persönlichkeitsentwicklung mit einer ordentlichen Prise Natur in der Sächsischen Schweiz. Touristisch gesehen wäre das etwas Neues: Wir sehen Mario bereits mit seiner öko-grünen Kappe unterhalb der »Bastei« und ähnlichen Felsformationen unterrichten. Zum Essen gäbe es, was der Wald jahreszeitlich auch immer bietet.


Wandern im Nationalpark

Panorama bei Rathen.
Sanfte Wiesen, zerklüftete Felsen rund um den Kurort Rathen und ein strahlend blauer Himmel laden zum Klettern, Wandern und einfach nur zum Staunen ein.

Den Nationalpark Sächsische Schweiz erlebe ich nach dem Kyusho Combatives-Lehrgang mit Mario Wolf als exklusivem Natur- und Wanderführer. Auf der Anfahrt zu unserer großen Tour halten wir kurz am Zentrum des Nationalparks Sächsische Schweiz in Bad Schandau. Die Ausstellung dort finden offenbar auch Scharen von Schulkindern gelungen. Falls Mario Wolf gerade keine Firmen durch das Elbsandsteingebirge begleitet, kümmert er sich als freier Mitarbeiter zweimal die Woche um diese jungen Gruppen. – Hauptsache, es geht raus in die Natur. So wie heute zwischen Buttermilchloch, Dachsenhalter und dem Kurort Rathen.
Kindern die Natur näherbringen, das ist für Mario Wolf eine Lebensaufgabe.In manchen Wochen führt Mario Wolf Schulklassen durch den Nationalspark Sächsische Schweiz.

Wir parken auf dem Gohrisch-Parkplatz am Rand des Nationalparks. Nur wenige Minuten später wandern und klettern wir durch eine fantastische Welt aus einer Zeit, als die Elbe noch eher ein Meer war. Ständig knabbern wir irgendwelche Knospen von Nadelbäumen oder frisch gerupfte Kräuter. In wenigen Wochen wird es hier köstliche Beeren und später Pilze geben.

Gerade haben wir uns »eingewandert«, an Höhlen, Steilhängen und Kletterfelsen vorbei, spricht uns Coline an. Sie ist allein unterwegs und hat die Abzweigung zu den Felsen Bienenkorb, Lokomotive und Lamm oberhalb von Rathen und dem Amselsee verpasst. Die Lyrikerin aus Erfurt schreibt Gedichte über ihre Wanderungen und schwärmt für die Sächsische Schweiz. Der aktuelle Bonus ist seit kurzem ein Freund in Dresden.

Ich habe normalerweise eher das Auf und Ab der Stuttgarter Stäffeles in den Beinen. Die 448 Meter steil hinauf zum Gohrisch-Stein sind da bereits ein anderer Sport. Mario lacht. Er nutzt meine Verschnaufpausen für Fotos von Pflanzen an ungewöhnlichen Standorten, identifiziert Vogelstimmen und dokumentiert mit einem modernen GPS-Empfänger unsere Positionen. Er käme auch ohne technischen Schnickschnack mit einem einfachen Kompass und dem Sonnenstand zurecht.
Der Amselsee unterhalb der Felsen von Rathen.Blick vom Amselsee bei Rathen auf die Formationen Bienenkorb, Lokomotive und Lamm.
Die Bäume samen sich auch in den Felsen aus.Die steilen Felsen mit ihren bizarren Strukturen bieten auch jungen Bäumen ungewöhnliche Standorte.

Nach einem Forellenbrötchen am Amselsee, einem Abstecher zum steilen Talwächter und viele Höhenmeter rauf und runter verabschieden wir uns auf dem Gohrisch-Parkplatz von Coline. Wer sich ein bisschen Mühe gibt, ist auch beim Wandern selten allein und stets mit genau so vielen unterwegs, wie er gerade mag. –

Am nächsten Morgen beim Frühstück spüren wir noch dem kurzfristig anberaumten Grillabend mit käsegefüllten Würstchen und einem Glas Wein nach. Wir haben den Frühsport bereits hinter uns – mit Shotokan-Gymnastik zum Aufwärmen, ein bisschen Judo, Ringen und Kyusho Combatives. Nils Scheiring wirkt nach, und die Nerven »feuern« noch. – Mario passt deshalb unser Wanderprogramm mit einem flacheren Anstieg und viel, viel Gegend entlang des Malerwegs an.

Weite Sicht vom Gohrisch bis zum Königstein.Saftiges Grün im Frühjahr. »Indian Summer« im Herbst. Vom Gohrisch-Felsen sieht man zum Königstein und der größten Festung Europas.
Freistehende Felsen am Rand des Elbtals.

Die freistehenden Felsen sind das Markenzeichen der Sächsischen Schweiz im Südosten der Landeshauptstadt Dresden.

Die Sächsische Schweiz ist das Kanada für Flugängstliche, finde ich, nur ein bisschen kleiner. Trotz der Anfahrt von Stuttgart aus liegt sie – erst recht für jemanden aus Nordamerika – noch immer »um die Ecke«.

Ich würde gerne zum »Indian Summer« im Spätsommer wiederkommen. Mein Menüvorschlag wäre ein weiterer Lehrgang Kyusho Combatives, dann Wandern und Yoga unterhalb der Kletterwand im Wirtshaus von 1874. Anschließend lecker Grillen und Sterne gucken. – Es ist alles da in Pfaffendorf von Königstein.


Ein Beitrag von www.globalscout.de.

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