»Insgesamt recht gut sortiert, aber …«

Berichte aus dem Werte-Seminar

Susanne kommt vor lauter Fürsorge für andere zu kurz. In der Vorstellungsrunde sagt sie, dass manche Dinge in ihrem Leben durchaus »besser laufen könnten«. Insgesamt sei sie beruflich und privat »recht gut sortiert«. Sie ist selbstverständlich auch nicht ihrer selbst wegen in diesem Werteseminar. Sie möchte etwas für ihre Kinder, ihren Ehepartner und ihre Kollegen lernen. Das ist in unseren Seminaren durchaus erlaubt. Wir haben jedoch häufig erlebt, dass die Aufgaben dann doch Erkenntnisse liefern, mit denen jemand überhaupt nicht rechnet. Das ist auch bei Susanne der Fall.

Susanne hat zwei hochbegabte Kinder großgezogen, die inzwischen als Anwältin und Ärztin aktiv sind. Sie hat ihre Kinder fast alleine aufgezogen, da ihr Mann auf seine Karriere als Industriekaufmann nicht verzichten wollte. Ihr einziger Ansprechpartner zuhause ist ihr Hund, den sie »heiß und innig« liebt.

Im Beruf gilt sie als »Engel des Betriebes«. Sie organisiert Messen für sozialverträgliche Produkte und ist stolz auf einen großen Freundeskreis. Gerne sieht sie sich auch als Lernende. Sie ist eine neugierige Frau, die daran glaubt, dass es außer dem bisherigen immer noch etwas anderes geben könnte. Aber zufrieden ist Susanne trotzdem nicht.

Susanne müsste von den Produkten ihrer Firma zu hundert Prozent überzeugt sein. Dass sie aber Mängel in der Produktion und Auftragsabwicklung verschweigen muss, erschüttert ihre Werte »Ehrlichkeit« und »Respekt« (gegenüber den Kunden). Sie ist dadurch jeden Tag unzufrieden. Da ihr die eigene Sicherheit und die ihrer Kollegen wichtig ist, behält sie ihre kritischen Anmerkungen für sich.

»Ich würde vermutlich das Unternehmen ruinieren, wenn ich meine wirkliche Meinung sagen würde«, gesteht Susanne. »Stattdessen sorge ich dafür, dass es meinen Mitarbeitern gut geht. Ich habe ein freundschaftliches Verhältnis zu meinen Kollegen aufgebaut. Ich bringe ihnen manchmal mehr Anerkennung entgegen, als sie es tatsächlich verdienen«.

Leider kann sich Susanne von ihrer Arbeit nicht trennen. Ihre Firma zahlt gut, und sie wohnt nur fünf Fahrradminuten von der Arbeitsstelle entfernt in einem wunderschönen Haus mit Garten, in dem auch ihr Hund ausreichend Auslauf bekommt. Susanne möchte sich ihre Unabhängigkeit bewahren: »Bis zur Rente in 15 Jahren halte ich das alles sicher noch aus.«

Die einzigen Rollen, in denen sie sich weiterentwickeln kann, sind demnach die der Ehefrau und die der Sportlerin. In ihrem Gymnastikkurs tut sie ausdrücklich etwas für sich selbst. Sie wird mit ihrem Mann über seine Einstellung zu Familie und Beruf sprechen und ihm gemeinsame Ferien mit dem Hund vorschlagen. Sie möchte nicht mehr nur der duldsame »Engel des Betriebs« sein! Sie wird ab jetzt ein streitbarer Engel sein, der auch für seine eigenen Werte und Überzeugungen eintritt.


Ein Beitrag von www.wertemanager.de.

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