Klassentreffen nach zwanzig Jahren. Dieter freut sich, seine Mitschüler zu sehen. Sie begrüßen einander herzlich und umarmen einander in Heikes herrlichem Garten. Ihre Kinder toben mit denen der anderen Gäste. Viele sehen aus wie ihre Eltern in Klein.
Der Spätsommer tut allen gut. Es riecht nach Gegrilltem und frisch aufgebackenem Baguette. Aus dem Zapfhahn fließt wie aus einem Zauberfass schier unendlich Bier. Dieter stößt mit Martin und Paul an. Die drei Männer vom Grill.
Dieter: »Noch zwanzig Jahre drauf, und hier rennen die ersten Enkel herum.
Martin: Und zu unserem Sechzigjährigen wartet am Gartentor der Notarzt mit den Defimotoren.«
Paul: »Du meinst Defibrillatoren.«
Martin: »Irgendwas für den Motor … – Es sind fast alle da. Ob das in zwanzig oder vierzig Jahren auch so sein wird?«
Dieter: »Wohl eher nicht. Wer weiß, was nach der nächsten Pandemie los ist.«
Paul: »Wenn es für Martin heute Defimotoren gibt, erfinden die Notärzte auch etwas gegen die nächste Pandemie.«
Martin: »Darauf kann ich verzichten! – Habt ihr Carlotta gesehen?«
Es ist schlagartig still am Grill, als hätte jemand den Ton abgestellt.
Martin: »Wie? Wollt ihr sagen, dass Carlotta …« Er zeichnet mit der Grillzange ein Kreuz in die Luft.
Dieter: »Nein, weißt du nicht …«
Martin: »Was weiß ich nicht?«
Dieter: »Carlotta heißt seit zehn Jahren Carl.«
Martin: »Echt jetzt?«
Dieter und Paul nicken.
Martin: »Sie war auf unserem Abschlussball meine Partnerin.«
Dieter: »Und dort das schönste Mädchen, sagten meine Eltern. Ausnahmsweise waren wir da einer Meinung.«
Paul: »Ihr habt getanzt wie Fred Astaire und Ginger Rogers in Schwarz-Weiß. Jeder hätte darauf gewettet, dass ihr ein Paar seid.«
Martin: »Ich weiß, dass ihr das geglaubt habt.«
Dieter: »Gib zu, es gefiel dir, dass alle Jungs neidisch waren.«
Paul: »Nicht nur! Auch die Mädchen waren eifersüchtig, weil du so eng mit Carlotta warst.«
Martin: »Und jetzt ist sie Carl?«
Paul: »Auf einem Foto habe ich gesehen, dass Carlotta auch als Carl ein toller Typ ist.«
Martin: »Du meinst mit allem Drum und Dran?«
Paul: »So ein Foto war das auch wieder nicht.«
Dieter: »Carlotta war auch für mich die Schülerin, neben der ich am liebsten gesessen hätte. Zumindest in Mathe und Physik.«
Paul: »Das stimmt. Aber sie ahnte schon immer, dass das mit dem »Mädchen oder Junge« bei ihr kompliziert ist. – Warte! Kannst du die Steaks wenden? Ich schau mal, ob Carl uns was gesimst hat. Er wollte sich melden.«
Martin: »Ich fand Carlotta klasse. Sie hat mit uns Jungs rumgehangen und war im Tor besser als alle Kicker aus dem Jahrgang. Die anderen Mädels »lifpelten« bereits über die Jungs vom »Gymi« nebenan, die >fooo füüüf< waren. >Oh, my Goooood!<. Carlotta war anders.«
Paul: Stimmt wohl. Auch im Sport war sie richtig gut. Sie war später in Tauchschulen unterwegs.
Martin: »Als Carlotta oder als Carl?«
Paul: »Ich glaube, schon als Carl.«
Martin: »Weißt du, wie Carlotta den >Umbau< zu Carl vertragen hat?«
Paul: »Red‘ doch nicht so: >Umbau< … Für ihn war das eine schlimme Zeit. Die Operationen, die Hormone … Und bis alles auch amtlich eingetragen war. >Carl, geborene Carlotta<.«
Dieter: »Manchmal konnte er kaum sprechen und redete wegen der Schmerzmittel wirres Zeug. Als hätte er verpasst, worum es geht.«
Martin: »Wie in Englisch? Die Böhner hat unter eine Klassenarbeit geschrieben, ihr Aufsatz sei >grottenschlecht<. Höchststrafe: die Eltern müssten kommen. Böhners Krakelei sah aus wie >carlottenschlecht<.«
Dieter: »Für uns danach >die besondere Note<. Carlotta lachte am meisten darüber. – Ja, wie in Englisch. Dass er nach den Eingriffen nicht alles verstand, hat ihm zumindest den Job auf einer Bohrinsel eingebracht. Für Seenotfälle und Schweißen unter Wasser.«
Martin: »Bohrinsel? – Ihr verarscht mich!«
Paul: »Carl fühlte sich zuhause schrecklich. Irgendwas zwischen Frau und Mann war seiner Familie zuviel. Er zog öfter um und verlor schließlich eine Stelle als Tauchlehrer in einem Leistungszentrum.«
Dieter: »Sein Chef wollte keinen mit >Divers< als Geschlecht, wegen der Umkleiden und so.«
Martin: »Was war das mit der Bohrinsel? Ich meine, dort sind erst recht die Stiernacken …«
Paul: »Mit Carl kann man heute Pferde stehlen wie damals mit Carlotta.«
Martin: »Das haben wir tatsächlich gemacht. Auf der Weide von Heikes Eltern dort drüben.«
Paul: »Soweit ich weiß, ging das gerade noch gut. Heike! Wir reden von dir: Können wir vom Grill noch drei Halbe haben?«
Heike: »Klar! Nur schön weitergrillen. Kommt sofort.«
Paul: »Carl kann was unter Wasser. Und die Stiernacken wissen das längst auch. Vielleicht waren sie nach der ersten gemeinsamen Dusche verwirrt. Aber er rettete einem von ihnen das Leben. Carl schrieb, sie hätten ihn danach regelrecht adoptiert. – Ich würde niemandem raten, ihn beim Landgang schräg anzuschauen. Dann hättest du es wirklich mit den Stiernacken zu tun.«
Die drei legen neue Steaks auf, verteilen fertige Würstchen und Gemüsiges auf Teller. Heike bringt das Bier, eilt weiter zum Salatbüfett und stellt Schüsseln mit Salaten und Nachtisch um. Martin, Paul und Dieter meditieren in der Grillhitze.
Martin: »Ich finde Carl sehr mutig.«
Dieter: »Carl hat sich verhalten, als sei alles normal. Und das tun wir am besten auch. – Auf das neue Normale! Und die gute Zeit mit unserer Carlotta.«
Paul: »Carls Englisch war Jahre später noch immer carlottenschlecht – wie in der Schule. Vielleicht hätte er sich sonst gar nicht erst auf die Bohrinsel beworben.«
Martin: »Was stand in der Anzeige?«
Paul: »>Divers wanted!<«
»Pling!« Paul kramt sein Handy aus der Tasche.
Paul: »Eine SMS von Carl. Schaut mal: >Ich stelle gerade fest, dass ich mich auf der Bohrinsel wohlfühle wie als Carlotta mit euch in der Klasse. Ich lerne seit Jahren Englisch nach und kenne den Unterschied zwischen Male/Female/Divers und Männlich/Weiblich/Taucher. In zwanzig Jahren feiere ich mit euch mit. Versprochen! Dann bringe ich jedem aus meinem eigenen Tauchressort eine Sauerstoffflasche mit. Vielleicht braucht ihr die dann – selbst wenn dann hoffentlich keiner mehr weiß, was Corona war. Das Leben ist schön! Als divers und als Taucher. – Carl<.«
Peter Kensok
