Drei Stunden mehr

Aus dem HomeOffice (Teil 2)

Der Redakteur sitzt konzentriert über eine Zeitung gebeugt am Schreibtisch. Direkt daneben nimmt er einen Schatten wahr. Wenig später liegt auf der einzig freien Fläche rechts von ihm, wo eigentlich seine frisch gefüllte Kaffeetasse stehen müsste, ein dreiseitiges Manuskript.

Die Zeit scheint ab diesem Moment sehr langsam voran zu schreiten. Er schaut ein wenig nach rechts auf den Boden und sieht dort schneeweiße Sneakers. Mit seiner Enkelin hat er letztens die Marke gegoogelt. Diese klobigen Dinger mit Sohlen wie bei der Mondlandung kosten ein Vermögen.

Sein Blick wandert weiter nach oben. Der leicht glänzende Stoff der beigen Hose gehört zu den Materialien, die niemals gebügelt werden müssen und extrem »cool« sein sollen. Der neueste Schrei.
Schmutzabweisend und die »Klimaanlage für den ganzen Mann«. Es gibt nur einen kleinen Aufnäher an der Tasche, der jedoch auffällig genug ist, um nicht als bescheiden durchzugehen.

Noch weiter oben sieht er ein winziges Hufeisen an der Gürtelschnalle. Darüber beginnt das dunkle Oberhemd. Es scheint frisch aus dem Trockner zu kommen und wirkt wie perfekt gebügelt. So gut würde ich das zu Hause nicht hinbekommen, denkt der Redakteur. Da hätte ihm seine Frau, Gott hab‘ sie selig! helfen müssen. Aber irgendwie zweifelt er, dass junge Menschen überhaupt noch wissen, was ein Bügeleisen ist.

Am Krokodil vorbei und dann oberhalb des Kragens landet er bei dem messerscharf konturierten Bart, der wie mit schwarzer Schuhcreme eingefärbt wirkt. Die Reise des Redakteurs endet bei der Brille mit CD. Das Sammlerstück aus einer seltenen französischen Männerlinie: Pour l’homme. Klingt wie »Armer Kerl«. Zu Hause nennt er die Marke nur noch »irgendwas mit diplomatischem Corps«. Aber was ist schon zuhause, nachdem das Virus zwischen zwei Impfungen 35 Ehejahre beendet hat?

Für das Kleidungsgeld des Journalisten könnte er sich die letzten beiden Jahre bis zur Rente voll einkleiden, denkt der Redakteur. Erst recht, wenn er die goldschimmernde Armbanduhr des Journalisten zusätzlich versetzt. Schließlich landet er bei den Augen seines Besuchers, der als einer der zehn Jahrgangsbesten gerade die Journalistenschule abgeschlossen hat. Seinem Selbstbewusstsein nach wird er die Welt jetzt aus den Angeln heben wollen.

Redakteur: »Was?«

Journalist: »Die Kollegen haben gesagt, Sie müssen meinen Artikel jetzt gegenlesen, damit ich ihn für den Satz freigebe. Dafür würden Sie schließlich bezahlt.«

Der Redakteur schaut zu den Blättern auf der eigentlich einzig freien Fläche seines Schreibtischs, genau dorthin, wo jetzt seine Tasse mit frischem Kaffee stehen müsste.

Redakteur: »Das können Sie besser.«

Journalist: »Aber Sie haben doch noch gar nichts gelesen!«

Redakteur: »Und? Können Sie es besser?«

Der Journalist nimmt wortlos seine Blätter vom Schreibtisch und verlässt irritiert das Büro. – Eine Stunde später betritt er das Büro erneut und legt wortlos sein Manuskript auf die einzig freie Stelle am Schreibtisch, auf die der Redakteur nach einem guten Schluck Kaffee gerade seine Tasse abstellen wollte. Der Journalist macht zwei Schritte zurück – immerhin – und bleibt wortlos stehen.

Redakteur: »Ist das wirklich das Beste, was Sie aus Ihrem Thema machen konnten?«

Journalist: »Aber …«

Der Redakteur schaut ihn fragend an, blickt dann auf die Papiere auf der Fläche, wo seine Kaffeetasse gerade jetzt nicht steht. Denn die hält er noch in der Hand. Dann schaut er den Journalisten wieder fragend an.

Der Journalist nimmt seine Papiere wieder an sich und verlässt wütend das Büro. – Zwei Stunden später klopft er an den Türrahmen. Der Redakteur schaut auf.

Redakteur: »Ja, bitte?«
Journalist: »Die Kollegen haben gesagt, dass Sie den Artikel lesen sollen, bevor ich die Datei für den Satz weiterleite. Und ich bitte Sie, ihn jetzt gegenzulesen. Ich meine, falls Sie jetzt Zeit dafür haben sollten.«

Der Redakteur schaut auf das Manuskript in der Hand des Journalisten.

Redakteur: »Ist das das Beste, was Sie aus Ihrem Thema machen konnten?«

Journalist: »Sie haben mich jetzt schon zweimal fort …«

Redakteur: »Ist das das Beste, was Sie aus Ihrem Thema machen konnten?«

Journalist: »Ja … Besser kann ich es nicht.«

Redakteur: »Dann lese ich es jetzt!«

Der Journalist reicht ihm das Manuskript. Der Redakteur deutet mit einer Geste auf einen alten Schaukelstuhl auf der anderen Seite seines Schreibtisches. Dort ruht er sich manchmal aus. Die Redaktion nennt ihn »Opa« und sein Büro »den Gnadenhof«. Sie meinen das nett und wissen, dass »Opa« nach dem Tod seiner Frau auch körperlich nicht mehr so gut drauf ist. Aber sie wissen auch, dass er vom Verstand her noch jedes olympische Gold gewinnen kann.

Sein Büro ist ansonsten das einzige auf der Etage, dessen Tür geschlossen werden könnte. Das hat er noch niemals getan. Er möchte etwas von dem mitbekommen, was in der Welt jenseits der Türschwelle passiert. Das fördert seine Konzentration. Und er will von seiner »COVID-Nische« aus dabei sein. Für ihn ist es fast schon Home Office.

Der Journalist setzt sich und sieht an der Wand hinter dem Redakteur zum ersten Mal unzählige Urkunden für Reportagen und Dokumentationen, die der Redakteur in Jahrzehnten geschrieben oder später betreut hat. Auch sein Lebenswerk als Ganzes wird gefeiert. Der Journalist kommt sich plötzlich ziemlich unbedeutend vor – und auf einmal schämt er sich.

Als der Redakteur sich räuspert, erschrickt der Journalist und schaut verlegen zu ihm auf. Der Redakteur nickt in Richtung der Urkunden.

Redakteur: »Der Verlag hat darauf bestanden, dass ich diese Auszeichnungen aufhänge. Ich sehe sie hinter mir ja nicht wirklich. Tatsächlich schaue ich die leere Wand, vor der Sie sitzen, lieber an. Es ist, als könnte ich so jedes Thema beginnen, als wäre es mein allererster Artikel überhaupt.«

Journalist: »Soll ich noch warten?«

Redakteur: »Nein, das ist nicht nötig.«

Der Journalist steht auf und möchte das Büro verlassen.

Redakteur: »Einen Moment noch, bitte!« Er reicht dem Journalisten das Manuskript. »Ich (!) gebe Ihren (!) Text in dieser Fassung hiermit frei.«

Der Journalist nimmt die Blätter entgegen und schaut darauf: Aber Sie haben nichts daran geändert.

Redakteur: »In dieser Fassung ist es gut. Sogar sehr gut. – Ihr Thema hat die drei zusätzlichen Stunden gebraucht.«

Der Journalist atmet erleichtert aus: »Danke!«

Redakteur: »Wissen Sie, Ihre Leser und Ihr Thema sollten Ihnen immer drei Stunden mehr wert sein. Ich weiß, dass Sie die in unserem Alltag selten haben werden. Aber genau dann sollten Sie immer der Erste sein, der das bedauert.«

Journalist: »Ja. Sie haben Recht. Das Thema und meine Leser haben diese drei Stunden mehr gebraucht.«

Redakteur: »Was haben Sie heute noch gelernt?«

Journalist: »Ich habe diese drei Stunden mehr auch für mich selbst gebraucht – und ich bitte Sie um Verzeihung.«

Der Redakteur steht auf und reicht ihm die Hand: »Ich nehme Ihre Entschuldigung an! Es ist ihre erste Woche bei uns. Willkommen im Team!«

Peter Kensok