Im Viertel nannten sie ihn Flasche. Aber niemand hätte das zu ihm gesagt. Das erste Mal sah ich Flasche beim Bäcker. Ich bestellte meine Feierabendbrezel und einen Kaffee zum Mitnehmen. Wobei Feiermorgenbrezel besser passt für um sechs nach dem Austragen.
Der war lange in der Sonne, dachte ich. Ohne die tiefen Falten um die Augen dürfte er höchstens 40 sein. Als Flasche vor mir die Bäckerei verließ, bemerkte ich, wie er die Handflächen parallel zur Laufrichtung führte. Bei »Stillgestanden!« hätten seine Hände wahrscheinlich sofort an der Naht seiner abgewetzten Jeans geklebt.
Flasche neigte den Kopf, um Geräusche einzuordnen. Und er schaute sichernd voraus und in Ecken wie jemand, dessen Überleben einmal davon abhing. Gelernt ist gelernt.
Nur einmal war das anders. Als Flasche Wochen später gegen halb fünf durchs Viertel patrouillierte, zog die lackierte Frau aus der 78 in ihrem SUV gerade die Lippen nach. Der Motor lief bereits und zündete mit einem lauten Knall. Im nächsten Moment lag Flasche flach auf dem Boden und presste beide Hände an die Ohren.
Die Lackierte parkte aus und fuhr davon.
Ich rannte vor, um Flasche aufzuhelfen. Er zitterte am ganzen Körper und wehrte mit einer Geste ab.
»Um die Zeit ist es sonst ruhiger«, sagte ich, um überhaupt etwas zu sagen.
»Um die Zeit sind solche Geräusche sonst nicht«, sagte er und atmete tief ein. Das Zittern ließ nach.
Flasche sammelte. Dafür war von vier bis sechs eine gute Zeit. Bei ihm sah das aus wie Aufräumen. Am Ende meiner eigenen Tour war seine Stofftasche meistens voll.
Mit Flasche im Viertel waren an den Fahrradbügeln weniger Reifen platt. Und die Jugendlichen, die sich nach der Disco zu den Villen ihrer Eltern im Osten grölten, nahmen plötzlich Rücksicht auf die Schlafenden. Sogar die Glatze aus der Eins mit der 18 im Nacken pöbelte mich nicht mehr an, wenn ich in der Häuserschlucht verteilte.
Flasche rückte die Dinge im Viertel gerade, einfach, indem er da war.
Einmal saß ich am Spielplatz vor der Eins. Ich ließ mir die Feiermorgenbrezel und dann zum Rest in meinem Becher eine Zigarette schmecken. Flasche setzte sich neben mich auf die Bank – und sagte nichts.
Ich bin gut im Kippen schnippen. Fünf Meter schaffe ich immer. Flasche stand auf, ging zur Schaukel und schaufelte mit einem Gurkenglas den qualmenden Stummel aus dem Sand. Dann setzte er sich wieder. »Das ist ein Kinderspielplatz.«
»Nicht morgens um sechs«, trotzte ich.
Flasche drückte mir das Glas in die Hand. »Nimm!«, befahl er. »Wegen der Kinder. Noch besser lässt du es ganz. Als dieser Irre sich in die Luft sprengte, schleuderte mich die Druckwelle gegen den Baustahl einer Ruine. Hinten rein und vorne wieder raus, wie ein Pfeil durch die Lunge. Danach rauchst du nicht mehr.«
Ich stellte das Glas mit der Kippe in meine leerverteilte Karre, blickte auf seine Stofftasche mit den Bierflaschen und Getränkedosen und fragte: »Arbeitest du wegen der Lunge nicht?«
Flasche drehte sich zur Eins um. »Ich schaue im Viertel nach dem Rechten, und ich räume auf.«
Ich versuchte es wieder. »Pfand ist keine Arbeit.«
»Ich investiere«, sagte Flasche.
»Ach?«
Flasche lachte: »Ein Drittel schenke ich denen, die weniger haben. Ein Drittel ist für mich. Und ein Drittel investiere ich in Kreuze.«
»Heldenfriedhof?«
»Nein, Kästchen! Wenn es klappt, habe ich gut investiert. Wenn nicht, schaue ich im Viertel weiter nach dem Rechten.«
Das ist auch schon wieder einige Wochen her. Die Feiermorgenbrezel heute war lecker wie immer, mein Kaffeebecher leer, und meine Kippe verglimmte auf dem Sand im Gurkenglas. Ich rauche kaum noch, wegen der Kinder. Ich schloss für einen Moment die Augen und dachte an Flasche. Ich hatte ihn tatsächlich schon lange nicht mehr gesehen.
Als ich die Augen wieder öffnete, saß neben mir der Rechte aus der Eins. Ich fiel vor Schreck fast von der Bank.
»Morgen!«, grüßte er. Ich schaute auf seinen bulligen Schädel. Er strubbelte mit beiden Händen über die Stoppel. »Sieht fast schon wie eine Frisur aus. Und mein Tattoo ist nur noch ein Schatten. Flasche schenkte mir das Weglasern, bevor er abreiste«, sagte er und reichte mir eine Postkarte. »Die ist für dich mit.«
Vorne zeigte sie viel Sonne, Strand, Meer und fröhliche Menschen an gedeckten Tischen. Ich drehte die Karte um. Adressiert war sie an die Eins, Herr Sander und Zeitung. Vom Smiley im Umriss einer Flasche zweigte eine Sprechblase ab: »Ich habe glücklich investiert.«
Ich gab Herrn Sander die Karte zurück.
»Flasches Job ist jetzt mein Job«, sagte er. »Ich passe auf das Viertel auf.«
Ich erkannte die volle Stofftasche zu seinen Füßen. »Und du sammelst.«
»Ich räume auf«, sagte er. »Ein Drittel schenke ich denen, die weniger haben. Ein Drittel ist für mich. Und ein Drittel investiere ich in Kreuze.« Er bot mir die Hand. »Mich darfst du auch Flasche nennen. Ansonsten heiße ich Georg.«
Ich zögerte. Doch ich vertraute Flasche, den niemand so angesprochen hätte, und schlug ein. »Nur Flasche nannte mich Zeitung. Ansonsten heiße ich Michael.«
Peter Kensok
